Sa, 11.Mär 2017, 00:42
von moronikus
Es ist lange her, aber ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, an mein erstes Proseminar in Linguistik, in dem ich ein Referat über Harald Weinrichs "Linguistik der Lüge" * halten sollte.
Ein zeitlos hochinteressantes Thema, wie ich finde und wenngleich dieser von der Akademie für Sprache und Dichtung 1965 preisgekrönte Essay keine fertigen Antworten bereithält, so regte und regt er doch ausserordentlich an zum Nachdenken über Worte und Ihre Bedeutung und Ihre immer mitschwingenden Konnotationen. Als Studienanfänger ist man natürlich stets geneigt, sich vor Koryphäen zu verbeugen und zu versuchen sich ihre "Weisheiten" zu eigen zu machen.
Aber in der Sprachphilopsophie oder in der Philosophie überhaupt, das habe ich im Laufe der Zeit gelernt, geht es weniger darum, sich Wahrheiten anzueignen, als darum seine Begriffe zu klären und zu definieren, um dann auf dieser Basis, nach Wahrheiten und Weltsichten zu suchen.
Das man mit Sprache lügen kann ist offensichtlich, es ist dem Menschen eigen.
Dante zB hat wohl gesagt, dass dem Menschen die Sprache gegeben sei, um seine Gedanken zu verbergen (!). Augustinus, mein liebster Kirchenvater von allen, weil unglaublich tief und lange Zeit stets selbstkritisch, hat gleich zwei Schriften zu diesem Thema verfasst: De Mendacio und Contra Mendacium und nach ihm viele andere mehr. Soll es für meine Zwecke hier genügen festzustellen, dass Mensch mit Sprache auf vielerlei Weise lügen kann, bewusst oder unbewusst, zum Nutzen (je nach Intention) oder zum Schaden anderer, je nach Sichtweise und Situation. Dies ist bestimmt jedermann nach kurzem Innehalten einsichtig.
Aber können Wörter lügen ? Das ist schon weniger offensichtlich. Blut. Boden. Nation. Volk. Rasse. Jedes dieser Worte hat eine Definition, die zwar unscharf sein kann, also verschieden stark ausgeprägte Bedeutungsschwerpunkte (Meinungen) haben kann, aber dennoch einem der deutschen Sprache mächtigen Sprecher, eine recht klare Vorstellung der benannten Sache oder Idee gibt. Die Frage von wahr oder falsch bzw verlogen stellt sich hier nicht wirklich.
Sobald man aber beginnt, diese "unschuldigen" Worte in einen Kontext zu setzten, verschiebt sich sofort die Bedeutungs und die Meinungsebene. Blut und Boden. Oha, und jetzt ? Die deutsche Nation, ein Volk mit deutschen Werten. Rassen und ihre Eigentümlichkeiten, ihre Idiosynkrasien. Schon wird es grenzwertig.
Weinrich meinte seinerzeit, wenn ich mich recht erinnere, das jemand, der obige Worte benutzt, sich automatisch der Gefahr aussetzt, zu lügen.
Weil sie, je nach Kontext, extrem missbraucht worden sind durch Ideologien und insofern vergiftet wurden. Jemand, der heute in einem Atemzug die Worte Deutsch, Nation, Volk oder Tradition und Werte nennt, ist sofort verdächtig. Sehr verdächtig.In der Mehrzahl unseren Medien gar so gut wie vorabgeurteilt als unverbesserlich Gestriger.
Das sehe ich anders und dagegen wehre ich mich heute. Erzogen worden bin ich so. Die Schulmeinung war so. Und nachvollziehen kann ich es auch in gewissem Mass.
Aber deswegen muss ich mich noch lange nicht damit abfinden. Nur weil durch eine unsägliche Weltsicht und menschenverachtende Ideologie missbraucht, muss ich mir die Nutzung dieser Worte doch nicht "verbieten" lassen. Es muss doch darum gehen, sie mit neuer Bedeutung zu füllen. Mit ihren positiven Konnotationen. Es muss doch erlaubt sein, darüber zu reden, was Werte sind und ob es sich lohnt sie zu "verteidigen", zu ihnen zu stehen. Es muss doch erlaubt sein, darüber nachzudenken, was ein "Volk" ausmacht. Ob es sich lohnt, diese Charakteristika zu pflegen oder aber zu sagen sie seien überholt, was ich persönlich nicht glauben möchte. Das hat mit Rassen- oder "völkischer" Überlegenheit überhaupt nichts zu tun.
Es ist doch jedem halbwegs mit Hirn beschenktem Individuum sofort einsichtig, dass es "das Deutsche" oder "den Deutschen" so nicht gibt, wahrscheinlich nie gegeben hat.
Aber das heisst doch nicht, dass wir in unserer, deutschen Gesellschaft, also in der Volksgemeinschaft derjenigen, die sich zu unserem Grundgesetz und zu unseren Werten bekennen, nicht dafür einstehen dürfen, diese Werte auch zu benennen und zu bewahren. Und sie nicht einfach als beliebig hinzustellen, als eine von vielen Möglichen.
Denn das, so empfinde ich, ist der Anfang vom Ende. Der Abstieg in die Beliebigkeit.
Andere Länder, andere Nationen sind stolz auf sich. Flaggen zu zeigen, Werte zu benennen, Traditionen zu bewahren sind Selbstverständlichkeiten. So etwas eint
eine Gemeinschaft und das muss andere durchaus nicht diskriminieren. Im Gegenteil. Aber bei uns ? Man schämt sich. Flagge zeigen ? Ok bei der Fussball WM, aber sonst. Und warum ? Wegen der Unrechtsherrschaft des 3.Reiches? Nicht für mich. Nicht mehr. Man muss erinnern. Man muss mahnen. Man darf niemals vergessen.
Dafür, so glaube ich, bewundert man uns in der Welt. Und das ist gut so.
In japanischen Schulbüchern sind die Massaker von Nanking bis heute nicht aufgearbeitet Der armenische Genozid, hat nach Erdogan nie stattgefunden, Vietnam, Indochina, der britischen Kolonialterror in Indien, die amerikanischen Kriegsverbrechen und und und. Deutschland ist in dieser Hinsicht, so meine ich, vorbildlich in seiner Geschichtsverarbeitung.
Aber mich deswegen moralisch unterkriegen, erpressen oder gar beschimpfen lassen ? 72 Jahre nach der Kapitulation ?
Für die evtl. Versäumnisse unserer Väter ? Etwas, das so unsäglich leicht daher gesagt bzw geschrieben ist und so leicht so ungerecht sein kann, beschäftigt man sich mal etwas tiefer mit der Geschichte. Dieses versteinerte Schubladendenken, diese vorgefertigten Lehrmeinungen über das, was richtig und was falsch war und ist, sie hinzunehmen ist meine Sache nicht mehr.
Man stelle sich mal vor, ich empfahl meinem Sohn als Projektarbeit das Thema Ruhrbesetzung 1923-25 und ihre Einordnung in den geschichtlichen Gesamtzusammenhang.
Weil einige Quellen vom "Versailler Verdikt" anstatt vom Versailler Vertrag sprachen wurde die Arbeit abgelehnt, alldieweil historisch "inkorrekt" bzw nicht wertfrei.
Das das Siegerurteil, und insbesondere die total uneingelösten Versprechen des US Präsidenten Wilson Deutschland gegenüber, und die Repressallien der anderen Siegermächte den Ausdruck "Vertrag" mehr oder weniger als Scherz der Geschichte erscheinen lassen, und den Keim der nachfolgenden Ereignisse in Deutschland in sich tragen, ist nicht mal diskussionswürdig....
Ohne Worte.
Den Schuh ziehe ich mir heute jedenfalls nicht mehr an. Und wenn die griechische, die britische, oder zuletzt die türkische Presse die Unverschämtheit besitzt, auf diese Vergangenheit zu zielen, um Meinungsmache zu betreiben dann will ich das nicht mehr schweigend hinnehmen. Und es sind, so glaube ich zumindest, diese Eindrücke und Gefühle, die der neuen Rechten bzw den konservativen Kräften solchen Zulauf bescheren.
Die türkische Regierung nimmt sich das Recht heraus, Mitglieder des deutschen Bundestags, namhaften Journalisten usw, die Einreise zu verweigern, wegen Förderung terroristischer Vereinigungen etcpp., bedient sich aber übelster Hetzpropaganda, wenn es darum geht, in einem Gastland Wahlauftritte zu einzufordern ?
Das kann man wohl nur als Witz und Grössenwahn der derzeitigen Machtclique in diesem Land interpretieren.
Und, hört hört, ich bin so dankbar dafür, das wenigstens jetzt, in diesem Punkt, die deutsche Politik die Einheit und den Mut findet zu sagen. Es reicht !
Dies war, meiner Meinung nach, lange lange überfällig.
Zum Schluss, ich weiss, bzw ich glaube zu wissen, dass wir wichtigere Probleme haben, als das Flüchtlingsdrama und seine unsägliche Mishandlung im letzten Jahr. Ich weiss, bzw glaube zu wissen, dass (ultra)- rechte Parteien an der Macht die wirklichen europäischen Probleme der Uneinigkeit und wirtschaftlichen Lethargie im Zshang mit dem zu befürchtenden Protektionismus nicht werden lösen können.
Und dennoch sympathisiere ich mit den Unzufriedenen und möchte so sehr mal ein Zeichen setzen, der Unzufriedenheit mit den ( meiner Meinung nach ziemlich undemokratischen ) Alleingängen der Kanzlerin. Was sonst kann ich denn tun ?
Plötzlich, auf einmal, sind Grenzkontrollen im Schengengebiet wieder möglich. Eingaben bei der EU Kommission werden entsprechend genehmigt. Und bitte, nicht nur bis Maerz nein, bis September, dann schauen wir mal weiter. Ist das Zufall, dass diese Termine mit Wahlterminen einhergehen ? Oder ist das ein Zugestaendniss daran, dass, sieht man wieder Bilder wie letztes Jahr an den Grenzen, man doch Sorgen um seine Stammwähler hat ?
Wann, bitte wann, rauft man sich zusammen, und bemueht sich um eine Lösung der Probleme in den Ursprungsländern, jenseits der so vielfältigen und verschiedenen Partikularinteressen ?
Das muss doch möglich sein. Na ja, jedenfalls würde ich es mir wünschen.
In diesem Sinne, bis neulich
Moro
*Linguistik der Lüge, Weinrich, Harald. - München :
Verlag C.H. Beck, 2016, 8. Auflage in C.H. Beck Paperback
Wir spielen alle, wer es weiss, ist klug ( Arthur Schnitzler )