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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 14.Mai 2013, 08:55
Hallo DomHunter,

der Gesetzentwurf wird noch diskutiert. Guckst Du eine Zeile über dem Gesetzesentwurf. Dort steht:

Hier nun einige zur Zeit diskutierte Gesetzestexte:

Der Senat verkündet das nachstehende von der Bürgerschaft (Landtag)...

beschlossene Gesetz...
....guckst Du auch unter Hintergründe auf der Sexworker Deutschland Seite: Dort steht ebenfalls, daß das Gesetz noch diskutiert wird.
Noch ist das Kind also nicht endgültig in den Brunnen gefallen!

Gruß,
LadyTanja
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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 14.Mai 2013, 10:03
Zunächst mal Meta - in der Übersicht:
Der gesamte Themenbereich ist doch allein für die Betroffenen schon moralisch und von den Interessen her sehr ambivalent.

Die Interessenlage einerseits:
Keine Kollegin kann doch wirklich wollen, dass eine unbestimmte Zahl von uns zu sexuellen Handlungen von Betreibern oder Zuhältern gezwungen werden. Und auch viele von den Freiern / Kunden / Gästen werden das nicht unbedingt wollen. Und noch mehr werden wohl alle von uns Kolleginnen gegen Menschenhandel zum Zweck der Zwangsprostitution sein, so wie wahrscheinlich / hoffentlich auch die Mehrzahl der Freier / Kunden / Gäste.

Bereits existierende Maßnahmen und Gesetze, die das verhindern und ahnden, können gar nicht intensiv genug angewendet werden, und, sofern diese nicht ausreichen, um neue Gesetze und Richtlinien ergänzt werden.

Die Interessenlage andererseits:
Natürlich wollen wir redlich und unter Beachtung und Einhaltung der Gesetze unserem Beruf nachgehenden Prostituierte dies auch weiterhin tun können.
Natürlich wollen die Freier / Kunden / Gäste weiterhin die derzeit vorhandene übersprudelnde Auswahl an Dienstleisterinnen behalten.
Natürlich existiert Zwangsprostitution nur, weil sie auch von Freiern / Kunden / Gästen nachgefragt wird und Geld einbringt.

Und ist nicht das Folgende schon eine Vorstufe des Zwangs nämlich der Versuch Druck auszuüben: Wieso z.B. gibt es selbst in unserem Zeig der Prostitution die Situation, dass Gäste im Vorwege ihre Session- und Erlebniswünsche versuchen mit der / dem Studioeigentümer/in zu klären? Wenn doch alle so eigenständig agieren können und die Gäste auch hier erklären, dass sie genau diese Eigenständigkeit der Dienstleisterin erwarten und wünschen? Ist das nicht bereits ein Versuch, die Wunsch-Dienstleisterin durch die / den "Studio-Chef/in" dazu bestimmen zu lassen, dass sie sich seiner garantiert annimmt und auch nach seinen Wünsche mit ihm erfährt?
Und auch bei einigen Forumsbeiträgen kommt schon das Geschmäckle auf, dass versucht werden soll, Druck aufzubauen.

ABER: Sind das Rechtsgut der Selbstbestimmung von Prostituierten und insgesamt die Rechtsgüter der Menschenrechte, die durch Zwangsprostitution und Zuhälterei und Menschenhandel verletzt werden, nicht unendlich wichtiger und höherstehend anzusehen als eine Fortsetzung der nahezu völlig uneingeschränkten Möglichkeit der Berufsausübung der Prostitution?

In den Details der Diskussion:

Bei aller Betroffenheit finde ich, dass man angedachte Änderungen kaltblütig, differenziert und überlegt betrachten sollte, so wie Lady MacLaine, die, auch wenn sie in bekannt provozierender Art darüber schreibt, doch diejenige von den hier Beteiligten ist, die lange vor 2002 innerhalb der damaligen Gesetzeslage praktiziert hat.

Und in nicht-emotionalisierter Betrachtung stellt sich mir zum Beispiel folgende Frage:
Johanna_Weber hat geschrieben:
"Bremisches Prostitutionsstättengesetz (BremProstStG)

§ 1 Betrieb einer Prostitutionsstätte
(1) Betreiber einer Prostitutionsstätte ist, wer Räumlichkeiten zu dem Zweck selbst nutzt oder Dritten zur Verfügung stellt, dass in ihnen sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt erbracht werden. "

Laut dieser Formulierung wäre also Tanjas Vermieter der Betreiber der Prostitutionsstätte. Sollte es sich dabei nicht um eine unglückliche Formulierung handeln, sieht es wirklich sehr schlecht aus für die meisten Betriebe in der Branche.
Mich interessiert ganz ehrlich, wer konkret Urheber dieser Deutung des Begriffs Betreiber ist? Denn nach meiner Meinung ist das eine Mutmaßung, die im Wortlaut nicht begründet ist, da der Wortlaut rein gar nichts zu Besitz oder Eigentum der Liegenschaft aussagt.

Und auch viele andere angedachte Neuerungen empfinde ich persönlich nicht als unzumutbar.

Gehören Studios wirklich in Wohngebiete?
Wer weiß nicht, wie laut es zum Teil in der Ausübung unseres Berufs und gerade unseres Zweigs SM zugeht. Wollen wir das in Wohngebieten haben? Oder wollen wir Dezibel-Warner in unseren Sessions aufbauen und allen Gästen, die sich ausleben wollen, Knebel verpassen?
Das alles scheint jedenfalls im Moment aufgrund der Gesetzeslage die Realität zu sein, jedenfalls ein Teil der Realität.

Und auch das: (Kaum) in anderer Beruf darf völlig unbeleckt von Wissen und Gewissen und ohne jegliche Ausbildung ausgeübt werden.

Ich sehe keinen Königsweg, zumindest sehe ich den nicht in der uneingeschränkten Freigabe eines Berufs, der mir prädestiniert erscheint, ihn nur unter Erfüllung besonderer Auflagen und Anforderungen auszuüben, siehe Ärzte, Psychologen, Betreiber von Schießplätzen, Kindergärtner, Erzieher und vieles andere mehr.

Und genau deshalb, weil ich / wir keinen Königsweg sehen, diskutieren wir vom Studio MZ Labyrinth das Ganze durchaus und auch sehr kontrovers und differenziert, aber intern, und (noch) nicht öffentlich.

La Marfa
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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 14.Mai 2013, 18:15
So wie von dir beschrieben leider einer der Gründe, warum unter anderem überhaupt Leute sich den Kopf zerbrechen zu Zwängen und Nötigungen, neben Wahlkampfpopulismus wiederum Anderer und handfesten weiteren Motiven.

Eingriffe in die sexuelle Selbstbestimmung darf und soll nicht sein, bei diesem Wust an neuen Gesetzen und Bestimmungen sehe ich keine Praxisorientiertheit und keine echte Unterstützung.
Etwaiges Reduzieren und Plattmachen von Betrieben bewirkt doch genau das Gegenteil, weil sich eben alles ins Private und Verdeckte verlagern würde.

Sehr viel Theorie eben und ein guter Grund, auch mal mit " Sexarbeiterinnen " ins Gespräch zu kommen. Ich bin wirklich gespannt, wie sich das dahingehend entwickelt.


DomHunter
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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 14.Mai 2013, 21:49
Zum hier vieldiskutierten "Betreiber":

Wenn ich die Begriffe "betreiber juristische definition" google stelle ich sehr schnell fest, dass der Eigentümer einer Immobilie Betreiberrechte u.a. an andere natürliche Personen einräumen bzw. übertragen kann. Beispielhaft werden Pächter und Dauermieter genannt.

Als weitere Option zur Aufklärung der Sache sehe ich auch die Möglichkeit einer Anfrage an den Innensenat der Stadt Bremen.

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 28.Mai 2013, 05:21
Die medialen Diskriminierungen gegen Sexarbeiterinnen und deren Kunden gehen weiter:

Der SPIEGEL attackiert in seiner Ausgabe 22 / 2013 das derzeitige Prostitutionsgesetz.

Titelstory:
„Bordell Deutschland“ - Wie der Staat Frauenhandel und Prostitution fördert.

http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/eu- ... 01868.html

Hier eine Stellungsnahme von Doña Carmen e.V. dazu:

http://www.donacarmen.de/?p=401#more-401


In die gleichen Fußstapfen tritt die Stuttgarter Zeitung mit folgender Veröffentlichung vom 25.05.2013:

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhal ... 7b5a3.html

Zitat: '98 Prozent der Frauen in der deutschen Prostitution sind fremdbestimmt'.


Frontal21 (ZDF) Zieht Bilanz zum Prostitutionsgesetz. Heute um 21:00 Uhr im ZDF.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Gruss, Runpax

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 28.Mai 2013, 07:04
Man sollte prüfen, inwiefern der Spiegel Interviewinhalte falsch wiedergegeben hat und sollte per Anwalt und Gericht ggf. eine GEGENDARSTELLUNG erwirken.

Und grundsätzlich müsste ein Rechtsanwalt mit im Boot sein, denn der kennt sich aus und kann kompetent sowie zeitnah reaieren.

Die Gegendarstellung jedenfalls müsste dann plaziert wie vorgegeben ebenfalls im Spiegel gedruckt und veröffentlicht werden - das ist meine Meinung dazu.

Eine Alternative besteht in einer zusätzlichen zweiten, deutlich ausgewogeneren Reportage bei dann kooperativem, friedlichem Umgang miteinander.

Ich habe den Thread auf Vorschlag von Runpax hier im Offtopic an dieser oberen Stelle festgesetzt.

Schauen wir mal, wie es um objektive und ausgewogene Berichterstattung in unserem Land bestellt ist. Die Klicks und Anzahl der Leser ist ja transparent.

Bei einem Thread im DF sind wir übrigens schon bei fast 70.000.




DomHunter
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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 28.Mai 2013, 15:56
Ich denke, es geht um grundsätzliche Ausgewogenheit in Berichterstattungen.

Wenn Presse was schreibt, dient das erstmal hohen Auflagezahlen und gutem Abverkauf. Eine bessere Journalie macht sich daran fest, ob sie dennoch wahrheitsgemäß schreiben und auch mal das Gute, dafür weniger Populäre beleuchten.

Der Bericht im Spiegel war einseitig gehalten ganz im BLÖD Stil, nur mit anderem Gewand.


DomHunter
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Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 28.Mai 2013, 21:31
Ich bin ein wenig über den verlinkten Artikel aus der Stuttgarter Zeitung erschrocken, der im Gewand des seriösen Journalismus eine ganze Breitseite von Polemik, unbewiesener Behauptungen und spekulativer Verallgemeinerung abfeuert. Als Expertin zum Thema wird fast ausschließlich die Grünen-Politikerin Thekla Walker zitiert, die sich erklärtermaßen auf dem Kreuzzug gegen die Prostitution befindet.

Und wenn es mal daran geht, die Behauptungen zu belegen, wird die Argumentation der Verfasserin schnell schwammig, z.B. hier "Diverse Studien zeigen, dass die meisten Prostituierten schwer und oft mehrfach traumatisiert sind." Welche Studien? Wer hat diese verfasst?

Und dann wird mit ganz perfiden argumentativen Mitteln gearbeitet. Die zweifelsohne punktuell vorhandenen kriminellen Mißstände im Rotlicht-Milieu werden im Handumdrehen auf den gesamten Bereich der käuflichen Sexualität verallgemeinert. Dann werden Prostituierte (und Freier?) sogar mit Selbstmordkandidat(inn)en gleichgesetzt, die durch die Einweisung in die geschlossene Psychiatrie vor sich selbst geschützt werden müssen. Der Staat muß die Prostituierten demnach also "zwangsbeglücken", indem er sie an der Ausübung ihres Berufes hindert, denn die Frauen sind ja quasi nicht in der Lage, diesen Wunsch von selbst zu artikulieren oder durchzusetzen.

Am Ende des Artikels bleibt konsequenterweise nur Fazit: Es muß ein Verbot der Prostitution her.

Ich könnte kotzen, wenn ich so etwas lese.

Ich befürchte, daß es sich bei der gegenwärtigen Anti-Prostitutionskampagne eine unselige Allianz gebildet hat: Da kämpfen verknöcherte Moralapostel aus der religiös-konservativen Ecke an der Seite von entrüsteten linken Kampf-Emanzen. Gemeinsam hat diese ungewöhnliche Lobby ihre geballten Verbindungen zu den Medien spielen lassen und nun wird der käufliche Sex von allen Seiten mit medialem Dauerfeuer belegt, damit am Ende womöglich eine strikte Verschärfung der Gesetzgebung herausspringt.

Auf der Strecke bleibt dabei die tolerante und liberale Gesellschaftsordnung.

Denn daß zwei mündige erwachsene Bürger freiwillig miteinander Sex gegen Bezahlung haben können, ohne für diesen Handel kriminalisiert zu werden, ist auch ein wichtiges Stück unserer Freiheit – und so etwas sollte geschützt werden.
.

"In 1969 I gave up women and alcohol. It was the worst 20 minutes of my life." - George Best

"The big difference between sex for money and sex for free is that sex for money usually costs a lot less." - Brendan Behan

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