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Re: Sexarbeit ist Arbeit

So, 13.Okt 2013, 21:09
Es ist gekommen, wie es kommen musste. Kaum ist das Prostitutionsgesetz im Bundesrat gescheitert, wird die nächste Initiative gestartet. Diesmal geht es nicht nur um eine Totalkontrolle, sondern jetzt greift man gleich zu den Sternen: „SOLWODI fordert die Bundesregierung auf, ein gesetzliches Verbot des Kaufs sexueller Dienstleistungen durchzusetzen.“ Solwodi steht für „Solidarity with Women in Distress”, nach eigenen Angaben eine “Hilfs- und Menschenrechtsorganisation“. Die Chefin hat vor einiger Zeit das Große Bundesverdienstkreuz bekommen. Der Verein sammelt Unterschriften unter dem Motto „Mach den Schluss-Strich! Keine Frauensklaverei in Deutschland“.
Es wird ein Schreckensbild gemalt, „die meisten“ Prostituierten würden ausgebeutet, arbeiteten „unter Druck oder Zwang“, „trinken Alkohol oder nehmen Drogen bei ihrer Tätigkeit“ und litten „unter posttraumatischen Belastungsstörungen, wie bei Folteropfern“. Die Gewinner seien „Sexkäufer, Zuhälter, Bordellbetreiber, Schleuser, Menschenhändler, die organisierte Kriminalität“. Überhaupt sei Prostitution „ein Angriff auf die Menschenrechte und auf die Würde der Frau“ und obendrein „eine Quelle der Gewalt“.
Sehr geschickt heißt es am Anfang eben nur „die meisten“, aber wenn es um die Prostitution als Angriff auf die Würde der Frau geht, dann sind natürlich auch die betroffen, die weder zu viel Alkohol trinken, noch posttraumatische Belastungsstörungen haben und auch nicht unter Zwang stehen. Frauen, die freiwillig diesen Beruf ausüben, lassen es also demzufolge zu, dass gegen ihre Würde verstoßen wird.
Als Vorbild wird Schweden gepriesen, der „Sexkäufer“ wird bestraft – und das Geschäft der Prostituierten lahmgelegt, was natürlich – folgt man diesem Verein – keine Strafe, sondern eine Wohltat ist. Will man die „Sexkäufer“ bestrafen, dann muss man den „Strich“, die „Prostitutionsstätten“, d.h. auch die Studios, überwachen, um der Bösewichte habhaft zu werden. Das wäre – konsequent durchgeführt – ein Sittenpolizeistaat, mit Razzien und Lockvögeln und allen Schikanen.

Selbst wenn sich diese Initiativen nicht durchsetzen sollten (aber in Hamburg-St. Georg ist das schwedische Vorbild schon verwirklicht), dann werden sie dazu beitragen, die Forderungen nach Kontrolle zu verstärken. Totalkontrolle würde dann als der Kompromiß gehandelt.

Alfi

Re: Sexarbeit ist Arbeit

So, 13.Okt 2013, 23:03
In St. Georg gilt die Kontakt-Verbotsverordnung. Es können dort Geldbußen gegen Freier verhängt werden, wenn sie Prostituierte ansprechen. Allerdings sind von diesem Verbot auch Prostituierte betroffen, die ebenfalls mit Geldbußen und Platzverweisen überzogen werden. Insofern unterscheidet sich die Wirklichkeit in diesem Hamburger Stadtteil noch von dem schwedischen Modell. Es war von mir etwas polemisch gemeint. Es entspricht eher der Situation in Irland. Da machen sich Freier und Prostituierte strafbar. In St. Georg begeht man "nur" eine Ordnungswidrigkeit. Übrigens gilt der beschriebenen Initiative von Solwodi auch Irland als vorbildliches Beispiel.

Alfi

Re: Sexarbeit ist Arbeit

So, 13.Okt 2013, 23:28
Exakt darum geht es doch Solwodi. Ein "Europa ohne Prostitution", wie es der Verein fordert, funktioniert nur, wenn man das geltende Prostitutionsgesetz rückgängig macht. Irgendwelche Gerichtsurteile von heute sind dann veraltet. Das ist eben Solwodis Plan. Und es geht um Stimmungsmache. Um was denn sonst? Das politische Kräfteverhältnis soll verschoben werden. Ich rechne nicht damit, dass Solwodi sich durchsetzt, aber die Organisation gehört mit zu denen, die massiven Druck ausüben. Wenn es keinen Gegendruck gibt, dann verschiebt sich das Kräftegleichgewicht zu Gunsten der Prostitutionsgegner. Herauskommt dann eine deutliche Verschärfung, zwar nicht ganz das, was Solwodi möchte, aber eine Verschlechterung der Lage für Sexworkerinnen bleibt.

Alfi

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Mo, 14.Okt 2013, 00:54
Schon im alten Rom gab es Prostitution, die auch von der herrschenden Klasse gerne in Anspruch genommen wurde. Meint Ihr heute wäre dies anders?!

Auch heutzutage nutzen viele Politiker und Bundestagsabgeordnete den Service von Prostituierten, wohl nicht die mit dem sich die Laufkundschaft abgibt, aber auch von Models in Privatwohnungen in noblen Stadtteilen. Und diese Politiker werden den Teufel tun, um die Prostitution in Deutschland abzuschaffen.

Ab und zu wirft man den Aktivisten ein paar Krümel zu, aber den Kuchen werden diese Leute niemals erhalten. %raucher%

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 15.Okt 2013, 11:41
Politiker sind opportunistisch und wenn die öffentliche Meinung dreht (was sie derzeit tut), werden sie neue Gesetze erlassen und möglicherweise auch Verbote. Auch wenn ein Bundestagsabgeordneter sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, wird er der Parteimeinung folgen (und dann illegal dies in Anspruch nehmen wie die Politiker in Schweden, USA, etc.) und zudem gibt es immer mehr weibliche Abgeordnete, etc. die dies oftmals anders sehen.

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Di, 15.Okt 2013, 13:00
cm hat geschrieben:Politiker sind opportunistisch und wenn die öffentliche Meinung dreht (was sie derzeit tut), werden sie neue Gesetze erlassen und möglicherweise auch Verbote. Auch wenn ein Bundestagsabgeordneter sexuelle Dienstleistungen in Anspruch nimmt, wird er der Parteimeinung folgen (und dann illegal dies in Anspruch nehmen wie die Politiker in Schweden, USA, etc.) und zudem gibt es immer mehr weibliche Abgeordnete, etc. die dies oftmals anders sehen.
So ist es,
so hat z.B. Franziska Brantner (Grüne, Mitglied des Europäischen Parlaments) eine Aktion des EWL "Gemeinsam für ein Europa frei von Prostitution' unterschrieben."

Die European Women’s Lobby (EWL) ist die größten Dachorganisation der Frauenverbände in der Europäischen Union.

Die EWL sieht die Prostitution als eine Form von Gewalt gegen Frauen und fordert die Kriminalisierung der Kunden von Sexarbeiterinnen.

Bisher haben 53 europäische Abgeordnete die EWL-Kampagne und den Brüsseler "Call" Gemeinsam für ein Europa frei von Prostitution, unterzeichnet.

hier:
http://www.womenlobby.org/spip.php?article5535&lang=en

und hier:
http://www.womenlobby.org/spip.php?article1919&lang=en

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Mi, 16.Okt 2013, 18:07
Das Thema ist derzeit in aller Munde. Erst gersten gab es wieder eine Sendung in SAT1 einschließlich Abstimmung darüber, ob das Gesetz verschärft werden soll. Ergebnis: 69% der Befragten waren dafür, obwohl sich Johanna Weber und Michael Beretin sehr bemühten, zu überzeugen und mit Vorurteilen aufzuräumen.
Was die Sexworker brauchen, ist eine Lobby und das nicht nur in Berlin. Also los, zerrt die Politiker in die Betten und überzeugt sie davon, das ihr es freiwillig tut und auch noch Spass daran habt, und das es ein Beruf ist, wie jeder andere auch. Noch ist es nicht zu spät. Leider gibt es aber viele, die gerne eine Regelung wie in Schweden hätten.

Aber auch wir Gäste können etwas tun! Wir sollten Studios meiden, von denen wir den Einfruck haben, dass dort Frauen arbeiten, die das nicht freiwillig tun. Ich meine hier in erster Linie Studios mit sehr jungen "Sklavinnen", die kein oder sehr wenig Deutsch sprechen. Da drängt es sich einem geradezu auf, dass da etwas faul ist. Ich kenne einige Läden, auf die das zutrifft und die ich daher nicht aufsuche, auch wenn mir dort die eine oder andere Frau gefallen würde.

Canedass

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Do, 17.Okt 2013, 06:33
Canedass schrieb:
Was die Sexworker brauchen, ist eine Lobby und das nicht nur in Berlin. Also los, zerrt die Politiker in die Betten und überzeugt sie davon, das ihr es freiwillig tut und auch noch Spass daran habt, und das es ein Beruf ist, wie jeder andere auch.

Beigefügt die Pressemitteilung über die Gründung des Berufsverbandes der Sexarbeiter/innen:


+++ PRESSEMITTEILUNG +++ PRESSEMITTEILUNG +++ PRESSEMITTEI


Sexarbeiter_innen gründen Berufsverband


Aktive und ehemalige Sexarbeiter_innen gründen am 13. Oktober 2013 in

Köln den "Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen".


Der bundesweite Verband verfolgt das Ziel, die Arbeits- und Lebensbedingungen von

Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern zu verbessern. Er möchte über die

unterschiedlichen Aspekte von Prostitution informieren und gegenüber

Politik, Medien und Öffentlichkeit ein realistisches Bild der

Sexarbeit vermitteln. Damit will er der Diskriminierung und

Kriminalisierung von Menschen in der Sexarbeit entgegen wirken.


Anlass der Gründung sind die zahlreichen immer noch vorhandenen

gesetzlichen Sonderverordnungen, die SexarbeiterInnen in ihrer Arbeit

behindern. Beispiele sind die Sperrgebietsverordnungen und das

Werbeverbot. Dazu kommt der lauter werdende Ruf aus Politik und Medien

nach einer "Verschärfung des Prostitutionsgesetzes". Entsprechende

Gesetzesentwürfe liegen bereits in Bund und Ländern vor. "Anstatt die

Position der Sexarbeiter_innen zu stärken, droht eine deutliche

Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in unserer Branche", sagt

Gründungsmitglied Johanna Weber. "Viel zu lange wurde über uns, aber

nicht mit uns gesprochen. Es wird Zeit, dass wir uns von

Entscheidungen, die uns betreffen, nicht länger ausschließen lassen!"


Bereits im April diesen Jahres hatten sich mehr als fünfzig

Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter in Frankfurt am Main getroffen, um

die Vereinsgründung vorzubereiten. Das Spektrum der Anwesenden reichte

von Wohnungs-, Bordell- und Straßenprostituierten über Escortdamen,

Callboys und Tantramasseurinnen bis hin zu Dominas. Es sind auch Betreiber_innen dabei, die aber allesamt selber in der Branche tätig gewesen sind oder noch mitarbeiten.
_______________________
www.lady-tanja-hamburg.de
http://blog.lady-tanja-hamburg.de
www.galerie-de-sade.de/Hamburg/Lady-Tanja-a302.html

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Do, 17.Okt 2013, 07:17
Ich fand die Sendung auf Sat1 Einsgegeneins relativ gut. Johanna Weber hat gut argumentiert, jedoch fehlt es m.E. bei diesem Thema inbesondere an Fachleuten, die kein direktes Interesse haben. Wie z.B. jemand von der Polizei (der aufzeigt, wie man mit den derzeitigen Regelungen oder bestimmten Anpassungen Zwangsprostitution bekämpfen kann), eine Sozialarbeiterin (die mit Prostituierten zusammenarbeitet und ihnen hilft und aufzeigen kann, welche Punkte zur Bekämpfung der Zwangsprostitution hilfreich sind) oder einen Wissenschaftler/Soziologen, der den "Statistiken" der Gegner etwas entgegen halten kann. Solange Ex-Polizisten und Sozialarbeiterinnen eingeladen sind und sagen, dass 98% der Prostituierten fremdbestimmt sind und 95% aus Rumänien, Ungarn, Bulgarien wird die öffentliche Meinung für mehr Gesetze (da sind die Deutschen ja wahrlich Weltmeister) und/oder Verbote sein. Eine Johanna Weber zeigt, dass es Frauen gibt, die selbstbestimmt, selbstbewusst und intelligent sind und als Prostituierte arbeiten, aber die Leuten denken nur, sie ist eine riesengrosse Ausnahme. Und Prostituierte und insbesondere Betreiber von Saunaclubs, etc. haben natürlich auch ein starkes persönliches und finanzielles Interesse, so dass sie gegen "neutral" auftretende Personen wie Polizisten, Sozialarbeiterinnen (andere vertreten ja eine komplett unterschiedliche Meinung als diejenige auf Sat1), Frauenrechtlerinnen, etc. keine Chance haben. Man muss inbesondere die Frauen (wovon viele wenig Ahnung über Prostitution haben) mit Argumenten und möglichen Massnahmen überzeugen, sonst kann man die öffentliche Diskussion nicht gewinnen.

Canedass: Sorry, aber Deutschland ist das Land in dem "Geiz ist geil" erfunden wurde. Anders gesagt, ist ein Ruf zur "Selbstkontrolle und -verantwort" zwar schön, aber wenn man sich nur ein wenig umschaut, sieht man, dass es vielen völlig egal ist, wie die Frauen behandelt werden, etc. etc. Hauptsache, sie bekommen ihre Befriedigung. Und der Verweis an junge Sklavinnen gibt natürlich uns ein gutes Gefühl, aber schon wenn ich viele Kommentare hier lese (über Frauen in Laufhäuser, aber auch Studios, etc.), ist es mit der Verantwortung nicht sehr weit her - auch bei den BDSM Liebhabern.

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Do, 17.Okt 2013, 15:11
Ich denke auch das Gesetzesänderungen notwendig sind.Das ganze ist doch mittlerweile ein Fass ohne Boden.

Wie soll das werden wenn die Niederlande ihre Gesetze verschärfen? Dann kommen die Holländer mit Bussen nach Deutschland und die Prostituierten gleich mit weil ja hier alles so easy ist und so schön liberal.Das kann es doch nicht sein.

Der Bockschein soll ja auch wieder eingeführt werden so wie ich es aus der SAT 1 Diskussion entnommen habe.

Lieber ein paar Änderungen in Kauf nehmen als ein komplettes Verbot.

Gruß
Rubberfriend

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Do, 17.Okt 2013, 19:14
Ich bin mir sicher, daß eine Novellierung des Prostitutionsgesetzes kommen wird, die Frage ist nur, wie es aussehen wird. Sicherlich sind Regelungen notwenig, die unstreitig vorhandene Zwangsprostitution einzudämmen. Auf der anderen Seite sind aber weitere Lockerungen erforderlich. Beispielsweise fehlt nach wie vor eine vollständige Anerkennung als Beruf, sei es als Gewerbe, oder als freier Beruf. Da dies im bisherigen Gesetz fehlt, werden Prostituierte immer noch behindert und diskriminiert. Versucht nur mal eine Brandversicherung für einen bordellähnlichen Betrieb zu finden, Fehlanzeige! Keine normale Versicherung ist hierzu bereit. Es gibt in Deutschland nur einen Spezialversicherer in Hamburg, der das macht, der verlangt aber die 10fache Prämie einer normaler Versicherung. Weder die Kartellbehörde, noch die Versicherungsaufsicht schreitet da ein, in einer freien Marktwirtschaft sei das legitim. Zweites Beispiel: Wohnungsprostitution im Wohngebiet. Die Baubehörden sind der Auffassung, daß das nicht zulässig sei und werden hierbei von den Verwaltungsgericht gestützt. Es wird dauern, bis sich hier etwas ändert. Immerhin haben aber einige Gerichte bereits lange bestehende Sperrgebietsverordnungen gekippt. Übrigens Kompliment für die Gründung eines Berufsverbandes, das war dringend erforderlich. Viel Erfolg, ich drück euch die Daumen.

Canedass

Re: Sexarbeit ist Arbeit

Fr, 18.Okt 2013, 13:20
Ein guter Ansatz wäre vielleicht auch das Alter für den Einstieg in das Gewerbe auf 21 Jahre festzusetzen.Bei Widerhandlungen sollten Bordellbetreiber sowie auch die Damen mit einem hohen Ordnungsgeld bestraft werden.

Das würde sich dann jeder Betreiber zweimal überlegen Damen unter 21 bei sich arbeiten zulassen.

Ich finde das eine Frau nicht in so jungen Jahren schon als Prostituierte arbieten muss, geschweige denn im SM Gewerbe.

Die Niederländer sollen über so eine Regelung auch schon nachgedacht haben.

Gruß
Rubberfriend
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