Was für eine großartige Novelle! Nicht nur literarisch gut und stellenweise auch ganz "anregend"---was ich am faszinierendsten fand: nicht nur gab es zu Sacher-Masochs Zeiten natürlich keine BDSM Szene, auf deren Erfahrungen und Selbstdarstellungen er zurückgreifen konnte, sonder es gab meines Wissens auch in der Literatur noch keinerlei Darstellungen des Phänomenes, dass sich ein männlicher Sub/Masochist einer Frau unterwirft (beim früheren de Sade gibt es zwar schon sehr extreme Sadistinnen, aber keine männlichen Opfer, die sich diesen freiwillig unterwerfen)----und trotzdem gelingt es Sacher-Masoch, nicht nur die Gefühlswelt dieses literarischen Pioniers unserer Szene wunderbar darzustellen, sondern er bescheibt tatsächlich auch schon eine Reihe der Probleme, Paradoxa und Selbsttäuschungen, die mit der Konstellation Herrin-Sklave verbunden sind und bis zum heutigen Tag zu Frustration und Scheitern führen:
Wie so viele von uns (=die Subs, weniger die reinen Masochisten oder Fetischisten), liebt und verehrt der Held, Severin, seine Herrin, Wanda. Er will sich ihr vollkommen unterwerfen, allen ihren Launen dienen, und nichts als ihr ergebener Sklave sein. Glaubt er jedenfalls von sich...leider täuscht er sich: Was er tatsächlich tut, ist seine eigenen Bedürfnisse auf sie zu projezieren und sie in die Rolle der Erfüllungsgehilfin seiner Phantasien zu drängen. Er will die Gefühlssensation erleben, von ihr gedemütigt und körperlich gequält zu werden und glaubt, ihr damit ein übermenschliches Opfer zu bringen---ob sie das überhaupt will oder nicht, im Allgemeinen oder in einer bestimmten Situation, darüber denkt er nicht nach. Sie macht mehrmals deutlich, dass sie ihn tatsächlich liebt und dass sie möchte, dass er ihr Gefährte wird---aber er ist so gefangen in dem, was wir heute gern "Kopfkino" nennen, dass er es nicht mal wahrnimmt. Er glaubt, ihr vollkommen ergeben zu sein, gewissermaßen der vollkommenste Mann zu sein, der je eine Frau geliebt hat, weil er jede Demütigung und körperliche Qual hinnimmt, die sie ihm zuteilt---aber er verlässt nie den Raum seiner eigenen Phantasien, tatsächlich liebt er sie gar nicht, er nimmt sie eigentlich nicht mal als real existierenden Menschen wahr, denn er versucht nicht einmal, zu begreifen, was sie eigentlich will. Sie bleibt für ihn bis zum Ende nur eine Projektionsfläche seiner Wünsche.
...daneben beschreibt Sacher-Masoch auch eine Reihe weiterer, ganz realer Probleme in dieser Konstellation.
(Das Ende der Novelle ist naürlich extrem unbefriedigend: Severin, von seiner Obsession geheilt, glaubt zu erkennen, dass es zwischen Mann und Frau nur Sieger/in und Verlierer/in geben kann, und nachdem er bei Wanda verloren hat, transformiert er sich zum Top. THAT SUCKS!
...wenn man sich als männlicher Sub wundert, warum es mit den dominanten Damen nicht klappt: es könnte sich lohnen, die Venus im Pelz (nochmal) aufmerksam zu lesen.



