guenter58095 hat geschrieben:Flagheart hat geschrieben:(...) Es zeigt mir jedenfalls das du nicht "klassisch" denkst. (...) Gewisse Dinge, sind halt fehl am Platze.....
Aber auch egal, jeder wie er ist für richtig hält, ich habe jedenfalls eine andere Vorstellung von SM, aber das muss jeder für sich selbst entscheiden, nur klassischer SM ist etwas anderes.....
@Flagheart
Es bleibt dir überlassen, deine eigene Sichtweise von SM vertreten. Aber du solltest nicht versuchen, diese künstlich mit dem Begriff "klassisch" aufzuwerten. Flagellation, wie von dir propagiert, war und ist z.B. nur eine von vielen Formen des erlebten und praktizierten Masochismus. Auch früher gab es schon vielfältigere Ausdrucksweisen von SM, als die immer angezogene und kunstvoll schlagende Herrin.
Um das zu belegen, greife ich jetzt mal exemplarisch auf einen unbestrittenen Klassiker zurück - dem Werk
"Psychopathia sexualis" des Psychiaters Krafft-Ebing, der Ende des 19. Jahrhunderts den Begriff "Masochismus" überhaupt erst in die wissenschaftliche Literatur eingeführt hat.
Krafft-Ebing beschreibt auf Seite 102 die Praktik "Flagellation" als Ausnahmefall. (Hervorhebung durch mich):
Es ist deshalb geboten, zu untersuchen, in welchem Verhältnisse die passive Flagellation der Masochisten zu jener psychisch nicht perverser, aber physisch geschwächter Wüstlinge steht. Dass Masochismus etwas wesentlich Anderes und Umfassenderes sei als blosse Flagellation, geht aus den Mittheilungen der von dieser Perversion Ergriffenen deutlich hervor. Für den Masochisten ist die Unterwerfung unter das Weib die Hauptsache, die Misshandlung nur ein Ausdrucksmittel für dieses Verhältniss und zwar eines der stärksten. Die Handlung hat für ihn symbolischen Werth und ist Mittel zum Zweck seelischer Befriedigung im Sinne seiner besonderen Gelüste. Der nicht masochistische Geschwächte hingegen, der sich flagelliren lässt, sucht nur eine mechanisch vermittelte Reizung seines spinalen Centrums. (...)
Präzisiert z.B. auf Seite 119:
Erst im Zusammenhang mit den jetzt constatirten so zahlreichen Fällen von Masochismus, unter denen so viele sind, welche mit Flagellation durchaus nichts zu thun haben, so dass der primere und rein psychische Charakter des Erniedrigungstriebes klar wird, kann die volle Einsicht in Rousseau's Fall gewonnen und der Irrthum aufgedeckt werden, in den er bei der Selbstzergliederung seines Zustandes nothwendig gerathen musste. (...)
Zusammenfassend auf Seite 149/150. (Hervorhebung durch mich):
Ich wiederhole es als entscheidend für die Differenzirung von einfacher passiver Flagellation und Flagellation auf Grund masochistischen Verlangens, dass im ersteren Fall die Handlung Mittel zum Zweck des dadurch möglich werdenden Coitus oder wenigstens einer Ejaculation, im letzteren Fall Mittel zum Zweck der seelischen Befriedigung im Sinne masochistischer Gelüste ist. Wie wir oben gesehen haben, unterwerfen sich Masochisten aber auch allen möglichen anderen Misshandlungen und Qualen, bei denen von reflectorischer Erregung von Wollust nicht die Rede sein kann. Da solche Fälle zahlreich sind, so muss untersucht werden, in welchem Verhältniss bei derartigen Akten (und bei der gleichwerthigen Flagellation der Masochisten) Schmerz und Lust zu einander stehen. (...)
Krafft-Ebing beschreibt ein seinem Werk z.B. auch die Vorliebe von Masochisten für Füße, Stiefel und verschiedenen Formen von weiblichen Körperausscheidungen. (Letzteres ist in dem Werk übrigens in lateinischer Sprache ausgeführt.) Er zitiert auch den den Bericht eines Masochisten, der beschreibt, was in der von ihm erlebten damaligen (PaySex)"Szene" so lief:
Von einer ganzen Reihe von Prostituirten hier in Berlin und in Paris, Wien etc. habe ich Berichte hierüber gehört und so erfahren, wie zahlreich meine Leidensgenossen sind. Immer gebrauche ich die Vorsicht, nicht etwa selbst Geschichten zu erzählen und zu fragen, ob diese ihnen vorgekommen sind, sondern ich liess diese Personen ihre Erlebnisse péle-méle erzählen. Einfache Flagellation ist so verbreitet, dass fast jede Prostituirte darauf eingerichtet ist. Aber auch Fälle von unzweifelhaftem Masochismus sind äusserst häufig. Die von dieser Perversion beherrschten Männer unterwerfen sich den raffinirtesten Qualen. Dabei führen sie mit den dazu abgerichteten Prostituirten stets dieselbe Scene auf: demüthiges Niederwerfen des Mannes, Fusstritte, Befehle, eingelernte drohende und beschimpfende Reden, dann Flagellation, Schälge auf die verschiedensten Körpertheile und alle möglichen Misshandlungen, Blutigstechen mit Nadeln u. dgl. Die Scene endet manchmal mit dem Coitus, öfter mit Ejaculation ohne solchen.
Zweimal haben mir solche Prostituirte schwere Eisenketten mit Handschellen, welche ihre Kunden anfertigen und sich anlegen liessen, dann die getrockneten Erbsen, auf welche sie knieen, mit Nadeln gespickte Sitze, auf welche sie sich auf Befehl des Weibes setzen müssen, und dergleichen mehr gezeigt. Manches Mal begehrt der perverse Mann, dass das Weib seinen Penis schmerzhaft zusammenschnürt, mit Nadeln sticht, mit einer Klinge Einschnitte in ihn macht oder ihn mit einem Holzstock schlägt. Selbst die Procedur des Henkens wird nachgeahmt und eben rechtzeitig unterbrochen. Andere wieder lassen sich mit der Spitze eines Messers oder Dolches leicht ritzen, dabei aber muss das Weib sie mit dem Tode bedrohen.
Bei allen diesen Dingen ist die Symbolik des Unterwerfungsverhältnisses Hauptsache. (...)
Quelle: Psychopathia sexualis, 9. Auflage, 1894 Download auf der folgenden Seite (Kasten rechts) als PDF:
https://archive.org/details/psychopathiasexu00kraf
Ich kann auch andere zeitgenössische Werke zitieren - wie die von Leopold von Sacher-Masoch. Dessen dominante "Heldinnen" entsprechen auch nicht deinem Bild der angeblich "klassischen" Herrin.