fanrheinmain hat geschrieben: ↑Mi, 01.Apr 2020, 00:08
Gollum hat geschrieben: ↑Di, 31.Mär 2020, 20:26
Natürlich muss man sich Gedanken machen und Konzepte erarbeiten, wie man das Eine (die Fallzahlen im beherrschbaren Rahmen halten) mit dem Anderen (unsere Wirtschaft und Gesellschaft am Laufen halten) in Einklang bringt. Anstatt über Zahlen und Statistiken zu streiten, würde ich mich über einen fruchtbaren Ideenwettbewerb freuen. Ich bin mir sicher, dass es einen vernünftigen Mittelweg gibt zwischen totalem Stillstand und totaler Öffnung.
Richtig, und genau diese Diskussion wird durch Betonköpfe verweigert. Und um mal kreative Ansätze folgen zu lassen:
Fitnesscenter sind enorm wichtig für die Gesundheit, ich selbst gehöre zu der Gruppe Menschen, die regelmäßiges Training brauchen, um die Gesundheit zu erhalten (Bandscheibenvorfälle, Herz-/Kreislauf etc.). Als Mittelweg zwischen den Extremen kann ich mir zum Beispiel vorstellen, dass die Center wieder öffnen dürfen, aber jeder nur einmal die Woche trainieren darf - ggf. mit telefonischer Voranmeldung / Rreservierung - besser einmal die Woche gründlich als gar nicht. Auf diese Weise könnte man die Zahlen der gleichzeitig trainierenden Besucher deutlich reduzieren und trotzdem jedem die Gelegenheit geben in Form zu bleiben.
Gleiches für die Gastronomie. Restaurants dürfen grundsätzlich wieder öffnen. Aber mit reduzierter Platzzahl - 1,50 Meter Abstand zwischen den Tischen. Pro Tisch nur eine Familie bzw. einzelner Gast. Mit einer Beschränkung der Aufenthaltsdauer und Reservierungspflicht gekoppelt.
Reisen - warum nicht innerhalb Deutschlands wenigstens Appartement-Vermietung erlauben? Wer dann unter Beachtung der Kontaktreduzierung einkaufen geht und sich im Appartement sein Essen bruzzelt, ist kein zusätzliches Risiko. Hotels könnten mit einer verminderten Belegung und Schichten beim Frühstück ebenfalls in einem kontrollierbaren Rahmen geöffnet werden. Vielleicht nicht gleich für reines Sightsseeing, aber immerhin für Menschen, die ein wenig Erholung in der Natur brauchen, psychisch Kraft tanken müssen (wie viele Menschen leben in kleinen Wohnungen ohne Balkon?).
Und schließlich mal ganz kreativ für Fetischisten: Holt eure Gasmasken aus dem Schrank und geht damit einkaufen. Wir Gasmaskenfetischisten haben es schon immer gewusst und sind unserer Zeit Jahre voraus ...
Aber es geht bei allem Ernst auch darum, Lebensfreude und ein wenig verhaltenen Optimismus zuzulassen und zu fördern. Das gehört zur psychischen Gesundheit unbedingt dazu! Momentan stehen die Weltuntergangspropheten, Worst-Case-Schwätzer und Asketen hoch im Kurs. Und das kotzt mich ehrlich gesagt an. Da werden Worst-Case-Studien exponentiell zusammengestoppelt so wie einst die Gewinnprognosen von Start-Ups an der Börse - nach dem Motto 50% pro Jahr hoch zehn. Wenn man manchen Schwarzmalern glauben will, dann hat Deutschland bald 140 Millionen Infizierte - trotz einer Bevölkerung von nur 80 Millionen. Worst Case - das heißt, dass man sämtliche Variablen so ungünstig wie nur irgendwie plausibel ansetzt. Was da dann herauskommt, ist für unbegründete Hysterie das Nährfutter. Auf der einen Seite unsinnige und unverantwortliche Panikmache, aber auch gleichzeitig dazu geeignet, gerade deswegen verharmlosende Aktionen zu rechtfertigen. Der sinnvolle Mittelweg verschwindet dann zwischen den beiden Gegenpolen.
Ich habe mich in meinem Berufsleben oft mit Prognoserechnungen beschäftigt - daher weiß ich, wie leicht man an den richtigen Stellschrauben aus einem Katastrophenszenario ein Erfolgsszenario herbeirechnen kann und umgekehrt. Es macht mich ungeheuer wütend, wenn dann die Crash-Propheten unter ungünstigsten Umständen mit gigantischen Totenzahlen hantieren. Wenn Morgen ein Asteroid in einer großen Multimillionenstadt einschlägt, dann wird es mindestens 10, vielleicht aber auch 100 Millionen Tote auf der Welt geben, Wenn der Supervulkan Yellowstone explodiert sind die Folgen unabsehbar. Wenn die schon lange erwarteten Supererdbeben Tokio oder San Francisco erschüttern, dann ....
Wir verdrängen vieles - es geht nicht anders im Leben - und doch starren wir jetzt die Worst-Case-Szenarien an wie das Karnickel die Schlange.
Und noch eines sollten wir nicht vergessen: Wissenschaft heißt nicht Wissen. Wissenschaftliche Untersuchung bezieht sich auf Methoden - trotzdem müssen die Erkenntnisse nicht allgemeingültig sein - weder in die eine noch in die andere Richtung. Man schaue sich nur mal an, mit welch teils schon glaubenskriegähnlichen Behauptungen wir durch die sogenannten Ernährungswissenschaftler überzogen werden. Alles Wissenschaft, auch wenn alle paar Wochen mal wieder eine neue Sau durch's Dorf getrieben wird. Auch Meteorologie - im Grunde auch eine Wissenschaft - die es aber immer noch nicht schafft, das Wetter von Morgen zuverlässig vorherzusagen. Was ich damit sagen will? Dass man auch Wissenschaft oder angeblich wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als bare Münze nehmen sollte, sondern dass es absolut gerechtfertigt ist, solche wissenschaftlichen Erkenntnisse mit einer gesunden Skepsis zu betrachten, eigene Überlegungen anzustellen, zu hinterfragen, wer denn der Auftraggeber ist.
Schon vor vierzig Jahren habe ich im Gespräch mit einem Controller Aussagen gehört wie "Der Vorstand will 10% Personalreduzierung - ich muss jezt in einer Personalbedarfsrechnung begründen, warum das richtig ist" - Wissenschaft? Neutral? Ergebnisoffen?
Prof. Drosten ist mir da übrigens ganz sympathisch - er gibt offen zu, dass vieles auf ungewissen Annahmen beruht.