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Do, 13.Mär 2008, 11:35
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es erst richtig schwer wird, wenn die Katze dann irgendwann aus dem Sack ist. Dann kommt eine Gradwanderung auf einen zu, die echt viel Gleichgewicht verlangt. Erkläre z.B. einem jungen Mädchen mal, was da geschieht. Bei Deinem Gegenüber spürst Du die Mischung aus Angst und Ekel, Überforderung und Neugier und dem Gefühl: Mama betrügt Papa! Nun erkläre mal etwas, ohne ins Detail zu gehen. Denn meinem Mädchen könnte ich keine Einzelheiten erzählen. Das würde sie komplett verstören. Auf der anderen Seite sind genau diese fehlenden Informationen eine *schriftliche Einladung* mehr in den Beruf hinein zu dichten und zu interpretieren, als nötig oder richtig. Eine Gradwanderung ich ich erst einmal lernen mußte zu meistern (und noch immer lerne).

Bizarre Grüße...

....Mercedes

Do, 13.Mär 2008, 14:51
Ich kann mich da Mercedes nur anschliessen. Es ist ein Balanceakt der Superlative.

Nun - ich bin weder in Kindergärten, noch bei den Nachbarn noch bei sonst irgendwelchen Leuten (die ich nicht allzu gut kenne) geoutet.
Für mich ist SM kein Lebensstil, sondern lediglich meine Sexualität. Ich lebe SM nicht, sondern ich mache es in meinem Schlafzimmer und im Studio und manchmal auf Parties.
Da ich der Meinung bin, dass mein Kind seine Sexualität frei entfalten soll, werde ich es auch nicht damit bedrängen durch ein Outing (und die - von Mercedes genannte - Phantasie dazu).
Ich werde es freilich so erziehen, dass es möglichst Tolerant und offen allen Gruppierungen gegenüber steht - aber ich werde es nicht mit meiner Sexualität bedrängen (denn mich hats als Kind weissgott nicht interessiert, was meine Eltern in ihrem Schlafzimmer getan haben. Im Gegenteil - ich wills auch heute nicht wissen und ich hätt mich bei Muttern herzlichst bedankt für so ein Outing.)
Dazu gehört eben auch, dass bei uns keine Sex-Utensilien offen herum liegen und ich auch nicht im Outfit durch die Wohnung stolziere.

Mir sind Fälle von anderen Paaren bekannt, die das etwas anders gehandhabt haben - ihren SM offen gelebt haben in Form einer 24/7 Beziehung. Wo der passive Part auch mal eine Ohrfeige einkassiert hat und neben dem Tisch knien musste.
Die älteste der Kinder ist heute 8 und nässt wieder ein. Und stellt Fragen wie "Warum muss Mama aus einem Hundenapf essen?"
Gut - das Bettnässen könnte man jetzt freilich auf andere Dinge schieben, oder damit argumentieren, dass mein Kind das gut "überstehen" würde - aber ich wills nicht riskieren.

Gerade in der heutigen, doch sexualisierten, Welt, kommt ein Kind eh noch früh genug mit dem Thema in Kontakt. Solange ich da die Hand drauf habe, seh ich es bieder und sag: Soll Kind sein und erstmal mit allen anderen Gefühlen umzugehen lernen.
Die Vorpubertät und die Pubertät werden dann noch früh genug mit Pauken und Trompeten auf mein Kind einwirken. Die Medien tun den Rest dazu - andere Familien und Freunde ebenfalls.

Ein Totalouting - was soll das bringen?
Den Müttern im Kindergarten oder der Nachbarschaft zu sagen, dass ich SMerin bin. Damit diese es dann weitertratschen, falsch verstehen (wollen) und letztenendes alles auf meinem Kind auslassen - weil sie zB. aus religiösen und moralischen Bedenken heraus die Freundschaft mit meinem Kind verbieten? Nein - lass gut sein.

SM im Schlafzimmer, SM im Studio, SM auf Parties - aber dabei bleibts auch.

Im engsten Freundeskreis bin ich natürlich geoutet. Die meisten wissen, was ich beruflich mache. Einzig meine beste Freundin .... deren Mann ist Moslem und ich werde mich (nach sorgfältigem überlegen und "rantasten") hüten, ein Outing zu vollziehen.

Liebe Grüsse
Nala

Do, 13.Mär 2008, 17:24
@ Nala: Ich kann mich Deiner Einstellung zum Outing nur anschliessen. Oftmals habe ich das Gefühl, dass man anderen Leuten (z.B. seinen Eltern, Kindern, einigen Freunden, etc.) etwas erzählt und aufdrängt, was diese überhaupt nicht wissen wollen. Vielen nehmen sich viel zu wichtig und haben verlernt sich zurückzuhalten und in diesem Bereich diskret zu sein. Man geht in Talkshows, lebt die Sexualität in aller Öffentlichkeit aus, etc. Ich lebe mit meiner Frau BDSM zu Hause, in Clubs und auch in der Öffentlichkeit (aber unsichtbar). Es ist nicht so, dass die Gesellschaft sich uns anpassen muss, sondern umgekehrt. Ein Kind kann eine Ohrfeige im BDSM-Kontext nicht richtig einordnen und deshalb sollte dies in der Öffentlichkeit ein Tabu sein. Aber wie überall, habe ich im SM-Bereich bei einigen das Gefühl, dass sie erwarten, dass alle sich Ihnen anpassen. Ich über alles - richtig egomanisch. Und wie gesagt, einige mögen es witzig finden mit den erwachsenen Kindern an eine SM-Veranstaltung zu gehen, aber für mich wäre dies der absolute Horror. Kindern und Eltern sollten wissen das Sexualität etwas völlig natürliches ist aber hinter verschlossenen Türen passiert - d.h. geht die andere Partei nichts an bzw. sollte sich dafür nicht interessieren. Bei Homosexuellen ist das Outing verständlich - man will schliesslich gemeinsam mit den Freunden, Familien, etc. leben, bei SM kann ich mit meiner Frau unsere Familien besuchen, Freundschaften pflegen, etc. ohne meine Sexualität jedem aufzubinden. Falls man beruflich dies ausübt, ist dies natürlich schwieriger.

Ich denke, dass SM-Beziehungen genau gleich laufen wie sogenannte "normale". Jeder muss auf den anderen Rücksicht nehmen und Freiräume lassen. Diejenigen die Probleme haben, sind diejenigen die "übersexualisiert" sind. Wenn jemand ständig und immer Sex will (egal um SM oder normalen) wird der Partner überfordert und die Phantasie (von ständig ausgeliefert sein, Sklave sein) wird evtl. auf Zeit möglich sein (für einige Stunden, Wochenende, etc.), aber ansonsten wird man enttäuscht. Einige können dies vermutlich nicht akzeptieren und sind ständig auf der Suche nach dem Ultimativen (was es nicht gibt).

Schwierig fand ich die Suche nach einem Partner, insbesondere wenn man nicht in einer grösseren Stadt wie Hamburg, Berlin, etc. lebt. Boards und solche Seiten (Dominaforum, etc.) halte ich für wenig geeignet. Zeitschriften wie Schlagzeilen, bestimmte Internet-Seiten oder z.B. eine Anzeige in der Zeit, Süddeutschen, etc. halte ich für erfolgsversprechender, d.h. würde ich heute machen, falls ich auf der Suche wäre. Ist aber klar, dass man in der Zeit, etc. nicht Sklave mit Vorliebe KV,AR, etc. schreiben sollte, sondern "normale Announce" mit z.B. sucht devoten/sexuell dominanten Partner.

Do, 13.Mär 2008, 18:03
Hallo
Ja, ja, eine sehr heikle Sache, die mich persönlich sehr beschäftigt!
Ich bin da sehr hin und her gerissen.
Einerseits bin ich ein offener Mensch. Ich sage gerne, was ich denke, fühle, ... etwas geheim halten zu müssen, das mir sehr wichtig ist, mag ich nicht besonders. Ich möchte, dass meine Umwelt mich so sehen kann, wie ich wirklich bin. Vor allem nahestehende Menschen, die mir wichtig sind.
Im Zusammenhang mit SM habe ich gemerkt, dass das ein Problem wird. Ein paar gute Freundinnen und einzelne Bekannte wissen, dass BDSM in meinem Leben eine wichtige Rolle spielt. Ganz wenige wissen, dass ich zudem nebenberuflich als Domina tätig bin.
Es gab solche, bei denen ich merkte, die möchten eigentlich keine Details wissen. Andere fanden es interessant und fragten nach ... Ich merkte sogar, dass es in meinem Freundeskreis Leute hat, die ebenfalls einen Draht zu BDSM haben. :-D Und so haben wir jetzt ein Gesprächsthema mehr als früher.
Wie gesagt, das sind ein paar Leute, denen ich wirklich vertraue und denen ich auch zutraue, dass sie mit dem Wissen umgehen können.
Irgendwelchen Bekannten, Nachbarn oder gar Wildfremden würde ich NIE signalisieren, dass ich SM-lerin bin oder gar als Domina tätig bin.
Mit meinem Liebsten versuche ich zwar BDSM stark mit dem Alltag zu verweben, aber wir achten sehr darauf, dass unsere Umgebung davon nicht wirklich etwas mitbekommt. Wenn wir "draussen" etwas machen, ist es immer sehr, sehr gut getrarnt. Ihm eine Ohrfeige zu verpassen oder ähnliches, käme mir wirklich nicht in den Sinn!
Und dann sind da noch die engsten Verwandten: Kinder haben wir keine - wir haben bewusst entschieden, dass wir keine möchten, weil wir denken sie wären mit unserem Lebensstil hoffnungslos überfordert. Aber das Thema hatten wir schon mal ... gell Nala? ... ich denke, so wie du das machst, geht das bestens. Aber wenn dann eben BDSM (bei uns ist es v.a. D/s stärker in den Alltag hineinspielt, wird es sehr schwierig. (Und ich möchte hier noch kurz einfügen, dabei geht es nicht um Sex. BDSM ist für uns viel mehr als die Befriedigung unserer sexuellen Triebe ... aber ist wieder ein anderes Thema ...)
Das Beispiel mit dem Jungen, der fragt, wieso seine Mutter aus einem Napf essen muss, finde ich schrecklich. Genau so etwas darf meiner Meinung nach nicht geschehen! Es ist meiner Meinung nach eine Form von Gewalt gegen das Kind. Es geht meiner Meinung nach schon Richtung sexueller Missbrauch. Was seine Eltern so treiben, möchte ein Kind nicht wissen. Das ist meine Erfahrung.
Ich denke ebenfalls unsere Gesellschaft ist eh schon viel zu stark durchdrungen mit Sex. Sex in der Werbung, in Filmen, in TV-Sendungen ... überall. Heute wird das Thema den Kindern und Jugendlichen mit Gewalt um die Ohren gehauen - eine wirkliche Aufklärung fehlt aber meistens. So entwickeln die Kinder/Jugendlichen die seltsamsten Ideen, was es denn nun mit Sex auf sich hat. Da muss man nicht noch einen draufsetzen!
Bleiben die Eltern. Bei meinem Liebsten ist es ganz klar, dass seine Eltern davon nichts erfahren dürfen. Sie wären schlichtweg überfordert und verletzt.
Bei meinem Vater ist es ein bisschen schwieriger ... (meine Mutter ist tot). Er will immer alles ganz genau wissen und ist zu Tode betrübt, wenn er mal etwas nicht erfährt. Das ist für mich ein echtes Problem!
Ich habe das Gefühl, dass es für ihn ein zu grosser, unverdaulicher Brocken wäre, wenn ich ihm erzählen würde, wie die Beziehung zu meinem Mann genau aussieht und erst recht, wenn er von meiner Tätigkeit als Domina wüsste. Ich habe ständig Angst, dass er es irgendwie erfahren könnte und dann total beleidigt ist oder noch schlimmer, gleich einen Herzinfarkt hat (er hatte schon einen). Manchmal denke ich, ich sollte es ihm doch irgendwie schonend beibringen ... dann verwerfe ich diesen Gedanken wieder. Ich fühle mich total hin und her gerissen und irgendwie schuldig ihm gegenüber. Klar, ich weiss, das ist Quatsch. Ich darf mein Leben so leben, wie es für mich richtig ist und ich muss ihm auch nicht alles sagen ... Aber eben ... ein Dilemma!
%rolleys%
Annemarie
Freiheitsberaubungen aller Art

Do, 13.Mär 2008, 21:13
Heute wird das Thema den Kindern und Jugendlichen mit Gewalt um die Ohren gehauen - eine wirkliche Aufklärung fehlt aber meistens.
Ein wesentlicher Punkt:
Es wird zuwenig geredet, allgemein.

Was speziell die Gradwanderung Job und Kinder betrifft:
Ein oft sehr belastender "Balance-akt" , der nicht endet und je älter sie werden, zunimmt.

Roxana
Zuletzt geändert von Roxana Sallés am Do, 13.Mär 2008, 21:28, insgesamt 1-mal geändert.

Do, 13.Mär 2008, 21:24
@Roxana
Stimmt!!!!
Ich finde das schade.
Als Domina habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele ein gutes Gespräch nach der Erziehung schätzen. - Nicht alle. Manche möchten nicht über das Erlebte sprechen. - Aber es gibt auch solche, mit denen ich noch lange rede. Und manchmal ist dieses Gespräch für sie wertvoller, als die "Erziehung". :-D
Einfach deshalb, weil sie sonst mit niemandem über ihre Neigung reden können - oder denken, dass sie das nicht können. Und dann sind wir wieder beim Thema "outen".
Hmm ... und mit Kindern über Sexualität reden, ist wohl eh eine ziemlich schwierige Sache. Überhaupt mit Kindern reden - ohne dass es so altväterisch wirkt, so aufgesetzt ... - ist für uns Erwachsene nicht so einfach.
Zum Balance-Akt: das kann ich mir vorstellen!!!
Kinder sind ja meist ziemlich schlau, sie merken schnell, wenn man ihnen etwas verheimlicht. Und da drängt es sich früher oder später wohl auf, mit ihnen zu reden. Lustig, ich habe grad am Sonntag mit einer Kollegin (Domina) über das Thema geredet. Sie hat gesagt, dass sie ihre Tochter darüber informiert habe, was sie beruflich mache, als diese 15 war. Vor kurzem hat sie ihrem Enkel (dem Sohn der Tochter) die Wahrheit gesagt ... ebenfalls nach dem 15 Geburtstag - oder wars der 13? Ich weiss nicht mehr genau. Der war ziemlich überrascht. Bisher dachte er, seine Grossmutter sei (nur) Künstlerin - was sie unter anderem auch ist - was natürlich eine prima Tarnung ist. %lach%
Nun ja ...
Ich beneide weder dich noch Nala um diese heikle Aufgabe!
Aber so wie ich euch einschätze, werdet ihr das sehr gut machen!
Freiheitsberaubungen aller Art

Fr, 14.Mär 2008, 09:24
Hallo Annemarie,

hmm mit Kindern über Sexualität reden, wird dann einfacher, wenn man sich selbst zurück erinnert, wie man es selber damals "gehandhabt" hat.
Ich komme aus einer sehr offenen Familie. Das Thema "Sexualität" wurde nie totgeschwiegen, sondern offen angesprochen, wenn (!) wir Kids Fragen dazu hatten.
Es wurde uns aber auch nie aufgedrängt.
Wir wurden ganz banal aufgeklärt, bei uns gabs keine Verniedlichungsworte für die Geschlechtsteile (a la Pipimann oä.), sondern es hiess immer so, wie sie eben bezeichnet werden.
Niemand kam uns mit "Bienchen und Blümchen", sondern es wurde - wenn die Frage kam - geraderaus (und altersgerecht) geantwortet. (Das hat sicherlich damit zu tun, dass meine Mutter Heilpädagogische Kindergärtnerin ist und dementsprechend auch die Voraussetzungen hatte, altersgerecht zu antworten.)
Klar, für mich wars ein Schock: "Sowas ekliges"
Aber als dann (ich glaube, ich war 10 Jahre alt) in der Schule ein Lehrer anfing, uns aufzuklären, war ich froh, dass ich alles wusste.
Der gute Herr stand mit einer hochroten Birne und einem Reagenzglas vor uns und wollte uns weissmachen, dass das ein Penis sei. (Mal so unter uns Konfirmanten: Ich hab nie wieder einen Penis gesehen, der so schnell splittert.)
Er fummelte (als hätte er zwei linke Hände) ein Kondom da drüber und erklärte, dass jetzt keine Kinder kommen würde (He - ist ja kein Wunder, wenn die Jugendlichen alle ein Kondom übers Reagenzglas ziehen und glauben, das würde reichen.)
Er erklärte uns, dass Frauen auch weisse Smarties schlucken um keine Kinder zu kriegen.
Ich sass da und schüttelte den Kopf und erklärte, dass das alles so nicht stimmt. Das wiederrum gab einen Eintrag im Klassenbuch (Unruhestiftung) und ich wurde das erste Mal aus der Klasse verwiesen.

Ich geh halt auch immer von mir aus - und wie ich eben war als Kind. Wenn ich was wissen wollte, dann wollte ich keinen Quatsch hören, sondern es so hören, wie es wirklich ist. (Forschergeist - forscher Geist)

Alles Liebe
Nala

Fr, 14.Mär 2008, 14:45
@ Nala und Annemarie

Stimmt, die Reagenzglas-Geschichte erklärt so manches Talkshow-Thema und die stellenweise sehr verblüfften Gesichter der dort diskutierenden Gäste. Verhütung :shock: Haben wir doch gemacht!!! %frage%
Antworten

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