Niemand erwartet, wenn er sich einen Vanilla-Beziehungsthriller oder einen Eifersuchtsmord-Krimi o.ä. ansieht oder liest , daß er die Realität von (gar guten) Vanilla-Beziehungen widerspiegelt - man erwartet eher das Gegenteil: irgendeine total verkorkste Vanilla-Beziehung oder auch etwas, was gar nicht wirklich Beziehung genannt werden darf, sondern von Anfang bis Ende nur Täuschung eines Opfers durch einen Täter ist. Der darf dann auch krank etc. sein.
Insofern hätte ich eigentlich überhaupt kein Problem damit, daß eben auch dysfunktionale Beziehungen nicht nur mit Sexpraktiken, sondern auch mit SM-Praktiken gezeigt würden. Da ich vom Film in Hinblick auf SM-Genuß gar nichts erwartet hatte (und nur hingegangen bin, um fundierter mitreden zu können, wie schlecht genau er denn nun eigentlich ist), war ich tatsächlich erstmal positiv überrascht, daß er überhaupt eine Story hatte (und zwar eine, die mir als Thriller durchaus gefallen hätte....) - wie gesagt hatte ich keinerlei SM-Inspiration erwartet und natürlich auch keine bekommen.
Der Film zeigt keinen "guten SM", sondern er zeigt eine dysfunktionale Beziehung, in der alle möglichen Machtdynamiken eine Rolle spielen und eben auch SM-Praktiken in dieser Hinsicht missbräuchlich (weil ohne SM-Ethik, ohne reflektierte SM-Identität etc.) eingesetzt werden. Ein Film, der eine Vergewaltigung zeigt, ist ja auch keine "Anleitung" zu Vanilla-Sex, obwohl "Vanilla-Geschlechtsverkehr" drin vorkommt - nur eben NICHT in guter Weise. Allerdings ist das Vanilla-Zuschauern und SM-Zuschauern i.d.R. klar - bei "50 Shades" bleibt unklar, ob die Vanillas (und die wirklich SM-Neugierigen, die sich aber weder der privaten Szene anschließen noch zu professionellen Studios gehen und die somit mit Halbwissen über SM-Gedankengut wie ssc-Ethik zurückbleiben) das kapieren. Und DAS ist das Problem für die SM-Community.
A propos Community und Halbwissen: Dass jemand wie Grey wirklich glauben könnte, SMer zu sein, halte ich für genauso denkbar, wie ein Eifersuchtsmörder wirklich überzeugt davon sein kann, zu lieben. Insofern wäre die Story sogar in sich stimmig und müßte gar nicht automatisch bedeuten, daß die Autorin des Buchs von SM keine Ahnung hatte - sie HÄTTE all das reflektieren und bewußt so schreiben können. (Und dabei entweder auf mehr kritische Distanz der Zuschauer/Leser setzen können, oder aber einfach beschließen, daß ihr die Auswirkungen für die Szene mangels persönlicher Betroffenheit und Loyalität egal sind.) Ich denke nur nicht, daß sie das hat. Sonst hätte sie es netterweise mit einem passenden Vorwort vielleicht richtigstellen können à la "ich denke nicht, daß SM so ist, aber ich hatte einfach Bock, sowas als Thriller zu schreiben, obwohl ich von SM nur begrenzt Ahnung habe und zwar insoweit, daß ich ...."
Auf ihrer Homepage steht dazu in den FAQ:
eljamesauthor.com hat geschrieben:How did you do the research for your books?
The Internet! Sometimes I phoned various experts (that I found through the internet), or asked questions on Twitter. And sometimes I devised my own experiments…
Meine eigene Meinung zu Film etc (also auch Buch, Zuschauermeinungen bei Kinopremiere, Auswirkung) :
https://www.domina-frankfurt.net/blog/i ... -grey.html
Später fand ich auch noch diese recht gut (amüsant und kritisch) geschriebene queere Buchkritik:
https://sexgeek.wordpress.com/2012/09/2 ... ey-matter/