Tanja hat geschrieben:@dieterdd
Sorry, aber mit dieser Aussage komme ich absolut nicht klar, weil diese Bilder, die damals um die Welt gingen mit SM absolut nichts zu tun haben und auch nur ein minimaler Vergleich nach meinen Gefühlen unangebracht ist.
Das diese Bilder mit SM nichts am Hut haben, ist doch unstrittig.
Heute habe ich meinen großen Domina-Widersprechtag, also lass mich auch dir widersprechen (und indirekt natürlich auch dieterdd):
In einer früheren Diskussion zu genau diesem Themenbereich (=dem Verhältnis zwischen realen Grausamkeiten, wie sie sich in der Geschichte ereignet haben und noch immer ereignen und dem Spiel und den Empfindungen im BDSM) hatte sich Undine mal sehr mutig, klar und richtig geäußert, und ich hatte ihr völlig zugestimmt. In meinen Worten: Lynndie England hat *alles* mit S/M zu tun---der einzige Unterschied ist ein moralischer: konsensuell oder nicht-konsensuell. Was in diesem Gefängnis im Irak passiert ist, war reale Grausamkeit gegenüber Opfern, die sich dem nicht freiwillig ausgesetzt hatten----und das ist natürlich komplett grauenhaft und inakzeptabel. Aber abgesehen von der Ebene des moralisch akzeptablen, auf der Ebene des emotionalen und sexuellen: L. England zeigt auf den bekannten Fotos präzise die Mischung aus Genuss an der Macht über das wehrlose Opfer und sadistischer Freude, die auch in diesem Forum immer wieder als besonders aufregend beschrieben wird. Und die Opfer? Sind sie nicht perfekte Projektionsfiguren für den Sub/Maso? Und: ein BDSM Spiel ist meistens, wenn es nicht rein fetischistisch abläuft, ein Master(Mistress)/Slave Spiel....und das ist ein Nachspielen dessen, was für Jahrtausende die grauenhafte und völlig unerotische Realität für Millionen armer Menschen war. Herrin und Sklave bezieht sich auf Southern Belle und schwarzer Skave, oder römische Patrizierin und ihre Sklaven aus aller Herren Länder...alles kein bisschen weniger schrecklich als Abu-Ghraib.
BDSM, so wie wir es heute betreiben, als konsensuelles, und damit moralisch akzeptables, erotisches Spiel ist ein kontrolliertes, erotisiertes Ausagieren genau der selben Empfindungen und Antriebe, die sich in roher, brutaler Form quer durch die gesamte Menschheitsgeschichte bis heute in Form von Sklaverei, Vergewaltigungen in Kriegen, öffentlicher Belustigung an Hinrichtungen, Gladiatorenspielen, dem rein dem Vergnügen gewidmeten Massakrieren von "Eingeborenen" im Rahmen des Kolonialismus, dem lustvollen Quälen und Erniedrigen von ökonomisch ausgelieferten "Domestiken", und zahlreichen anderen Formen sehr real und sehr grauenhaft manifestiert hat, und sich, in seiner trivialsten, harmlosesten und blödesten Form noch im Zicken eines Bürokraten gegenüber einem ausgelieferten Antragsteller manifestiert.
....und dass wir all das, diese Triebe von Macht/Unterwerfung und Grausamkeit/Masochismus, die all den realen Schrecklichkeiten zugrundeliegen, in erotisierter Form ausagieren DAS IST GUT SO! Ich bin der festen Überzeugung, dass sowohl das Potential, oder sogar der Trieb, zur Grausamkeit gegenüber anderen Menschen, wie auch, viel schwerer zu verstehen und zu erklären, die Lust, sich dieser Grausamkeit zu ergeben, Teil der Conditio Humana sind, und ein Ausagieren dieser dunklen Seite, die wir alle haben, in der Form von kontrollierten, konsensuellen erotischen Inszenierungen das Beste ist, was man damit machen kann: Auslöschen kann man diese Seite nicht, und wenn man sie verdrängt, übernimmt sie die Kontrolle, ohne dass man es bewusst merkt. Ein bewusstes Wahrnehmen und Akzeptieren der dunklen Seite und gleichzeitiges Beharren auf moralischem Handeln heißt: man muss dem Affen etwas Zucker geben, man muss die Gefühle ausleben, aber eben in einer Weise, durch die niemand geschädigt wird, der damit nichts zu tun haben will. Man muss das Krokodil im Keller regelmäßig füttern, mit totem Fleisch...dann bleibt es satt, zufrieden und träge. Wenn es hungrig wird, kommt es hoch...
...Oder, um das Ganze platter und praktischer zu sagen: Es ist doch keine Frage, dass zahllose Dominas in den letzten Jahren mit der Kundenansage konfrontiert wurden: „Mach misch die Lynndie England!“ Und gut so! Das tut niemandem weh; die Dame, falls tatsächlich eine dominante Sadistin, konnte ihre bösen Gelüste kathartisieren, und der Gast desgleichen die seinen. Alle gehen entspannt nach Hause, haben etwas von dem inneren Druck verloren, der sonst zu genau den Phänomenen führt, die wir alle schrecklich finden, und alle können etwas netter zu ihren Mitmenschen sein.