SimplyTheBest hat geschrieben:
Müssen sich einige SM-ler denn unbedingt extremer darstellen als sie sind? Gibt es in SM-Kreisen Sklaven,Schlachtungen,Kastrationen im Sinne der ursprünglichen Definition? Auf der einen Homepage sieht man, wie eine blutverschmierte Domina in ein Herz beisst, auf einer anderen, wie Schusswaffen auf Subs gerichtet, Messer an Kehlen oder Genitalien gehalten werden, extreme Klinikpraktiken... Gut, es handelt sich dabei nur um "Rollenspiele" aber letztendlich bewegen sich diese teilweise stark am Rande der Gesundheitsgefährdung und offenbaren Phantasien einiger SM-ler, die ein Außenstehender erst einmal verarbeiten muss oder sehe ich das falsch?
Eine Sichtweise kann niemals falsch sein.
Drei Gedanken dazu:
Erstens: Es gibt zwar bildliche Darstellungen im Netz, die Du beschreibst - aber meinem Eindruck nach bilden sie keineswegs die Mehrheit der SM-Darstellungen im Web. Natürlich - wer sucht, der findet. Stellt sich die Frage, mit welchem Anspruch Otto-Vanillabürgerin eine Internet-Suchmaschine bedient. Ich meine, dass es durchaus möglich ist, sich mal ganz "unverbindlich" als AußenstehendeR über SM zu informieren (auch im Internet! - Besser sind natürlich Bücher wie "Die Qual der Wahl" etc.), ohne gleich auf blutverschmierte und kastrierte Sklaven zu stossen, die gerade geschlachtet werden.
Wenn ich es andererseits drauf anlege, Extrembeispiele für alles mögliche in der Welt zu finden, dann ist das Internet die ideale Quelle. Das sollte jedem medienkritisch denkendem Menschen klar sein - und nur die Menschen, die diese Kritikfähigkeit mitbrigen, zählen m.E. in unserem medialen Zeitalter. Die medienunkritischen Menschen sind im übrigen meistens auch die uninteressanten.
Womit wir zum zweiten Punkt kommen: Dass das Wort "Sklave" in der SM-Szene nicht in seinem ursprünglichen Wortlaut verwendet wird, sondern damit eine Rollenzuschreibung innerhalb eines erotischen Settings gemeint ist, sollte m.E. zumindest in unserer medialen Kultur sozialisierten Menschen einleuchten. Dass Worte ihre Bedeutung je nach Kontext verändern ist ja keineswegs auf die SM-Szene beschränkt. So wird beispielsweise bei dem Ausruf "Du heilige Scheisse!" niemand einen Gedanken daran verschwenden, dass hier gerade ein Stoßgebet zum Heiligen Stuhl (Hrhr) ausgerufen wird. Und bedauerlicher Weise ist auch der Spruch "Du kannst mich mal am Arsch lecken" zumeist nicht im wörtlichen Sinne gemeint, wenngleich ich da - je nach dem wer dies zu mir sagt - durchaus der Aufforderung mit Freude nachkommen würde.
In meinem dritten Gedanken zu dem Thema rudere ich nun wieder etwas zurück. Denn ganz ohne Zweifel ist das im Internet Gezeigte für viele Menschen ein derber Kulturschock. Ich selbst kann mich auch nicht davon ausnehmen, dann und wann ins Grübeln zu kommen, ob dieses Medium in die Hände von Jedermann gehört - als Beispiel mag hier der Fall Armin Meiwes gelten (der natürlich nichts mit SM, sehr wohl aber was mit Kulturschock zu tun hat).
Nun kann aber was einmal gedacht wurde nicht wieder zurückgenommen werden (tm Dürrenmatt), und außerdem halte ich die Vorteile des interkulturellen Austauschs durch das Netz für bedeutsamer als die Nachteile. Um auf SM zurückzukommen: Niemand wird gezwungen, sich auf die Internet-Suche nach expliziten Inhalten zu begeben. Die von Dir angemahnten Inhalte (Kastration, Schlachtung etc.) findet man nur, wenn man sie sucht. Andererseits ist das Internet als Kommunikationsplattform immer für ein "Du bist nicht alleine" gut. Mir hat das Internet Mitte der 90er sehr geholfen, mich selbst und meine Sexualität anzunehmen. Die Tabu-überladene real-life-Gesellschaft war dazu nicht in der Lage.
Daher bin ich gegen jede Form der Selbstzensur im Internet.